Publikationen
Lernen ist persönlich
ein Schulportrait
Dieser Artikel erschien in der Fachzeitschrift "schweizer schule" 10/99.
Hanspeter Beerli
Die Schule nennt sich Lip – Lernen ist persönlich. Der Name ist Programm. Der pädagogische Leiter der Privatschule, Hanspeter Beerli, schildert das Leben an seiner Schule. Alle Bestrebungen sind auf einen optimalen Lernprozess der Jugendlichen ausgerichtet. Davon ist vieles auch in der Staatsschule möglich.
Steckbrief der LIPSCHULE
- Private Tagesschule in Zürich, am linken Seeufer gelegen in einer renovierten Fabrikhalle.
- Für Schülerinnen und Schüler der 4.-6. Primarstufe, der Sekundarstufe I und des 10. Schuljahres.
- Besonders geeignet auch für Begabte und Hochbegabte, junge Talente im Sport und in der Kunst.
- Momentan 60 Schülerinnen und Schüler.
- 10 Lehrpersonen, mehrheitlich in Teilzeitarbeit.
- Gesellschaftsform: GmbH mit flachen Leitungsstrukturen, geführt von Hanspeter Beerli (pädagogische Leitung), Andrea Beerli-Schuchter (Organisation, Personal und Mentorat) und Erika Plattner (administrative Leitung und Finanzkontrolle).
Nach langjährigen Erfahrungen der Lehrkräfte an der staatlichen Schule wurde die LIPSCHULE auf privater Basis verwirklicht. Die pädagogischen Grundsätze des autonomen Lernens, verbunden mit einer geeigneten Infrastruktur, sollten ohne Energieverlust und Überzeugungsarbeit bei Behörden und Lehrteam umgesetzt werden können. Durch das klare Konzept war es möglich, ein homogenes, kompetentes Team aufzubauen, das die gleichen Ziele verfolgt.
Die LIPSCHULE versteht sich als Modellschule, deren Erfahrungen an die staatlichen Schulen zurückfliessen sollen. Solche Möglichkeiten ergeben sich einerseits in der Lehrtätigkeit am Real- und Oberschullehrerseminar des Kantons Zürich von Hanspeter Beerli, andererseits in der Tätigkeit als Behördenmitglied von Andrea Beerli-Schuchter.
Wir möchten dem unreflektierten, weitverbreiteten Vorurteil, dass der humanistisch-pädagogische Ansatz einem Laisser-faire-Stil gleichzusetzen ist, mit mehr Aufklärungsarbeit begegnen. Die funktioniert dank klar festgelegten Strukturen und einem ebenso klaren Bekenntnis zur Leistung. Je nach Zielsetzung sollen die Schülerinnen und Schüler den gymnasialen Anschluss erreichen oder den Anforderungen anspruchsvoller Lehren genügen.
Das Schulkonzept beinhaltet neben der pädagogischen Ausrichtung eine Tagesstruktur und eine altersdurchmischte Arbeitsweise. Schülerinnen und Schüler im Alter von zehn bis sechzehn Jahren finden einen Platz an unserer Schule, sofern sie den klaren Willen zur Leistung äussern und sich zu einer entsprechenden Arbeitshaltung bekennen. Krisen sind allerdings erlaubt - sie gehören zum Entwicklungsprozess.
Die Leitideen, die zum Profil der LIPSCHULE führten, entwickelten sich im jahrelangen Bemühen, den einzelnen Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden. Die Frage stand im Zentrum «Wie muss die Schul- und Unterrichtskultur gestaltet sein, damit die Schülerinnen und Schüler gerne und aus eigenem Antrieb lernen und so zu ihren optimalen Leistungen finden?». Dabei liegt unser Hauptaugenmerk auf der unverwechselbaren Persönlichkeit des Individuums und deren Entwicklung. Unsere Pädagogen lassen sich leiten von der Überzeugung
«Werde, der du bist!» «Werde, die du bist!»
Die Grundlagen bilden u.a. die Theorien von Hartmut von Hentig, Carl R. Rogers, Jean Piaget und Heinz von Foerster (s. Literaturverzeichnis).
Selbstsicher, initiativ, respektiert
- Die Zukunft verlangt folgende Kompetenzen:
- Eigenständiges Denken und Handeln
- Übernahme und Tragen von Verantwortung
- Fähigkeit, Informationen zu beschaffen und zu verarbeiten
- Orientierung im Gesellschaftswandel
- Basiswissen
- Sozialkompetenz
Wir gehen davon aus, dass der Mensch künftig wesentlich initiativer und autonomer wird handeln müssen als je zuvor. Der rasche Wandel verlangt, die berufliche und private Welt immer wieder aktiv neu zu gestalten. Die LIPSCHULE wendet darum Lernverfahren an, die Schülerinnen und Schüler zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Stoff anregen. Wir wollen einen Frageprozess auslösen, der dazu führt, dass sie verstehen und begreifen, nicht nur auswendig wiedergeben können. Die Unterrichtsgestaltung ist deshalb vermehrt schüleraktiv und handlungsorientiert.
Die Schülerinnen und Schüler müssen lernen, relevante von irrelevanten Inhalten zu unterscheiden, z.B. die Informationsflut des Internets zu selektionieren, Geschichte als zusammenhängendes Netz zu erkennen, das bis in die Gegenwart führt.
Sie erfahren dabei, dass Differenzierung und autonomes Arbeiten grundlegend sind.
Sie realisieren, dass Wissenserwerb und Kompetenzentwicklung mehrheitlich in Zusammenarbeit erfolgt. Erfolgreiches Kommunizieren trägt wesentlich zur Meinungsbildung und zum Lernen bei.
Sie erkennen, dass sie für neues Wissen unbekannte Gebiete betreten müssen, eine Herausforderung, die anspornt und Spass machen kann.
Offener Unterricht
Offener Unterricht hat nichts zu tun mit antiautoritärer Haltung, strukturlosem Chaos und Förderung von Egozentrikern. Klare Strukturen und Spielregeln, Rücksichtnahme und Respekt ermöglichen erst diese Art von Unterricht. Für Lehrpersonen wie für Schülerinnen und Schüler ist diese Unterrichtsform weit anspruchsvoller als die lehrpersonzentrierte. Regie führen mitunter auch die Schülerinnen und Schüler. Dadurch fällt ein Zurückgreifen auf die herkömmlichen Machtstrukturen weg.
Das Leitbild der LIPSCHULE sieht möglichst offene Unterrichtsformen vor. Diese Didaktik fördert das individuelle, selbstbestimmte, lebensnahe und handelnde, aber auch das kooperative und soziale Lernen. Nach unserer Einschätzung erzielen wir umso grösseren Erfolg, je mehr Merkmale des offenen Unterrichts berücksichtigt werden. Das Selbstwertgefühl und die Kreativität steigen klar.
Merkmale der LIPSCHULE
Persönlicher Arbeitsplatz und Raumnutzung
Jede Schülerin und jeder Schüler von der Primar-Mittelstufe bis Ende Sekundarstufe I hat in einem grossflächigen Raum einen eigenen Arbeitsplatz, der persönlich gestaltet werden kann. Hier finden vor allem die selbstorganisierten Lerneinheiten statt.
Für Projektarbeiten und die individuellen Lernprozesse im Fremdsprachenunterricht stehen PCs mit Internet-Zugang und interaktiven Lern-CDs zur Verfügung. Ihr Stellenwert ist klar der eines Werkzeuges, das es sinnvoll zu nutzen gilt. Kleine Räume dienen der Teamarbeit.
Am Fördertisch inmitten des Grossraumes versammeln sich diejenigen mit einer Lehrperson, die sich momentan unter- oder überfordert fühlen. Dabei bleibt der Kontakt zu den übrigen Lerngruppen erhalten. In der LIPSCHULE sind immer mehrere Lehrpersonen anwesend und damit für die Schülerinnen und Schüler verfügbar. Für den Gruppenunterricht und die -gespräche werden Klassenräume benutzt.
Die LIPSCHULE löst das Jahrgangsprinzip nach Möglichkeit auf. Im Arbeitsraum sind gleichzeitig alle Altersgruppen tätig. Dadurch wird ein förderndes Tutoren- bzw. Patensystem möglich. Im Moment ist dieses nicht fest strukturiert. In loser Form und spontan übernehmen Schülerinnen und Schüler Einführungen und Erklärungen. Dabei ergeben sich Patenschaften über alle Altersstufen hinweg. Solche Aktivitäten fördern das eigene Lernen, die Rücksichtnahme auf die Schwächeren und das Verständnis für verschiedene Lernwege. Gleichzeitig erhalten auch einseitig Begabte die Möglichkeit, ihr Wissen weiterzugehen. Hier seien vor allem jene erwähnt, die auch uns Erwachsenen durchaus als Lehrende begegnen, wenn es beispielsweise darum geht, Computerprobleme zu lösen.
Team-Teaching
Da an der LIPSCHULE Klassenzimmer nur für lehrpersonzentrierte Sequenzen gebraucht werden, sind meistens mehrere Lehrpersonen im gemeinsamen Arbeitsraum anwesend. Dadurch haben die Schülerinnen und Schüler verschiedene Ansprechpartner und sind nicht auf eine Klassenlehrkraft angewiesen. Diese offene Zuständigkeit wird von allen rege benutzt. Selbst der direkte Kontakt zur Schulleitung ist jederzeit möglich. Auch ihre Arbeit ist im Gesamtbetrieb integriert und nachvollziehbar - eine Situation, die die Schule als Ganzes erlebbar macht.
Die Arbeit im Team ermöglicht den Lehrpersonen einen intensiven Austausch über ihre Beurteilungen und Wahrnehmungen des Schülerverhaltens. Erwachsene und Jugendliche bilden zusammen ein lernendes Team - sichtbar auch dadurch, dass kein Lehrerzimmer existiert und die Lehrpersonen ihre Vorbereitungsarbeiten im gleichen Arbeitsraum wie die Schülerinnen und Schüler tätigen.
Wahlfreiheit
Im Rahmen der Lehrpläne bestimmen die Schülerinnen und Schüler zunehmend eigenständig ihre Unterrichtsaktivitäten und Lernprozesse. Wer mathematische Probleme aufarbeiten will, kann darauf einen Schwerpunkt legen; sprachliche Fertigkeiten lassen sich an interaktiven Programmen intensiv üben; Projekte können in kompakter, konzentrierter oder in loser Form bearbeitet werden. Verbindlich sind allerdings die Vorgaben, die Terminplanung, die Abmachungen und deren Einhaltung! Es liegt auf der Hand, dass sich im Alltag nicht alles reibungslos abspielt. Mit der Freiheit umgehen, will gelernt sein! Es gilt der Grundsatz, jedem Kind soviel zuzutrauen, wie es im Moment fähig ist zu tragen.
Materialangebot
Die Schülerinnen und Schüler haben ein reichhaltiges, angemessenes Materialangebot zur Auswahl, das sie durch eigene Recherchen ergänzen können. Dazu gehören CD-Lexika, Internet, interaktive Programme, eine Bibliothek, externe Fachleute und vor allem auf selbstständiges Arbeiten ausgerichtete Lehrmittel. Diese werden aufgeschlüsselt in Anweisungen, Pflichtstoff und erweiterten Lernstoff. Als Checklisten dienen sie aber auch der Übersicht über den Stand der Arbeiten.
Curriculare Integration
Das heisst, dass der reine Fachunterricht nach Möglichkeit zugunsten eines Gesamtunterrichts gestaltet wird. Die Schülerinnen und Schüler erleben dabei die Sinnhaftigkeit verschiedener Lerninhalte an komplexen Problemen. Z.B. erfahren sie durch einen Philosophiekurs, dass Existenzfragen zu den ältesten Themen der Menschheit gehören, Geschichte auslösen und Kulturen entstehen lassen oder dass der Rhythmus und der Takt in der Musik geradewegs zum Bruchrechnen führen.
Kleingruppen- und Einzelarbeit
In verschiedenen Sozialformen entwickeln die Schülerinnen und Schüler Regeln für gemeinsames Lernen. Sie sollen entscheiden, welche Lernform geeignet ist. Auch hier sind persönliche Bedürfnisse zu berücksichtigen. Es gibt Kinder, die erst durch die Gespräche in der Gruppe einen Lernstoff vertiefen können, andere brauchen die konzentrierte Einzelarbeit.
Rolle der Lehrperson
Die zentrale Funktion der Lehrperson ist fördern, nicht belehren. Die Schülerinnen und Schüler erh
alten vermehrt individuelle Hilfestellung und Begleitung. Die Lehrperson wirkt dabei als Mentor und führt die Lernenden zur Selbstverantwortung. Von der straffen lehrperson-zentrierten Führung haben wir Abstand genommen - sie verleitet viele Schülerinnen und Schüler zur Apathie, zur inneren Verabschiedung vom Lektionsgeschehen oder schlicht zur Frustration und Langeweile im negativen Sinn. Die Autorität der Lehrperson baut sich nicht über diese Art Führung und Disziplinieren auf, vielmehr auf dem natürlichen Weg der Achtung vor einer gerechten, empathischen Persönlichkeit. Die üblichen disziplinarischen Schwierigkeiten treten an unserer Schule allenfalls in den ersten Wochen nach dem Eintritt auf.
Eigenverantwortlichkeit
Der Erfolg stellt sich dann ein, wenn der junge Mensch die Verantwortung für sein Lernen selber übernimmt. Allerdings gilt auch hier, die Zeit abzuwarten, bis er die nötige Reife und den Willen dafür aufbringt. Solange diese noch fehlen, gelten verbindliche Absprachen und Zeitpläne, während denen ein Lernziel erreicht werden muss. Kompromisse zwischen fremd- und selbstbestimmtem Lernen gehören zur Realität oder sind eben einfach eine Zwischenstation zum Ziel.
Lernerautonomie ist ein allgemeines Erziehungsziel der LIPSCHULE. In einer Zeit, in der nicht mehr garantiert wird, dass ein erlernter Beruf ein ganzes Leben ausgeübt werden kann, ist die Fähigkeit, sich offen, neugierig und explorativ neues Wissen anzueignen, immer wichtiger. Der Weg zu mehr Lernerautonomie kann aber nur dann verwirklicht werden, wenn es uns gelingt, bei den Schülerinnen und Schülern ein Repertoire an Lernstrategien - oder an Lern- und Arbeitstechniken - aufzubauen und anzuwenden. Darum fördern wir die Entwicklung von selbstreflexiver Kompetenz mittels Lernjournal. Wir stellen Fragen wie z.B.: «Kannst du beschreiben, was du jetzt machst?» - «Was hast du mit dem Ergebnis vor?» Solche Leitfragen werden im Gespräch angegangen oder aber schriftlich beantwortet.
Beurteilung
Der summative Notenschnitt ist auch in der Gesetzgebung im Kanton Zürich einer weit differenzierteren Beurteilung gewichen. Mit dem Blick auf die Anforderungen der Berufswelt erhalten Arbeits- und Sozialverhalten den gleichen Stellenwert wie die kognitiven Leistungen. Dabei steht die Gesamtbeurteilung ganz im Dienst der Förderung und gibt ein umfassendes Bild des Einzelnen wieder. Sie setzt sich aus der Selbst- und der Fremdbeurteilung zusammen. Durch den intensiven, individuellen Kontakt ergeben sich zahlreiche formative Beurteilungsmöglichkeiten. In einer fortlaufenden, individuellen Selbstbeurteilung lernen die Schülerinnen und Schüler ihre Leistungen kritisch zu bewerten, ein Prozess, der auch die Selbststeuerung fördert. Im Beurteilungsgespräch wird dieses Selbstbild mit der Fremdbeurteilung der Lehrkraft verglichen und zu einer Gesamtbeurteilung zusammengefügt.
Solange die Notenzeugnisse noch verpflichtend sind, erhalten sie auch unsere Schülerinnen und Schüler.
Gegenseitige Achtung
Wir fordern und fördern den Respekt vor dem Anderen und dem Anderssein. Auch hier gelten klare Regeln. Selbst kleinste Anzeichen von Gewalt werden in der Gemeinschaft thematisiert. Repressionen haben meist keinen nachhaltigen Effekt, weshalb wir nach Möglichkeit davon Abstand nehmen. Selbstverständlich kann es Entwicklungen geben, die unsere Zuständigkeit überschreiten. In solchen Fällen muss eine andere, allenfalls externe Lösung gefunden werden.
Die Basis für den Erfolg einer schülergerechten Schule liegt im echten, ganzheitlichen Engagement der Lehrperson. Es gibt keine billigen Tricks, keine schnellen methodischen Unterrichtskniffe. Es ist die hart erarbeitete und kritisch reflektierte Persönlichkeitsbildung der Lehrperson, die den Erfolg ermöglicht. Ganz sicher soll er oder sie sich wohl fühlen in der Rolle des Beobachters, Begleiters und Mentors das heisst, vom Mittelpunkt wegrücken - dorthin gehören nämlich unsere Schülerinnen und Schüler.
Alltag - Prüfstein für «basic needs»
Bei der Umsetzung der «basic needs» stemmen wir uns bewusst gegen das deprimierende Bild der Worterklärung für Alltag und alltäglich: Langeweile, Routine, Trott - nichtssagend, banal, fade, bedeutungslos.
Die Grundhaltung der Lehrperson, des Teams und der Schulkultur im alltäglichen Auftrag und Tun ist entscheidend. Wir meinen, der unumstössliche Wille zur fördernden Bildungs- und Erziehungsarbeit und die Freude am Schulalltag vermag die Tretmühle zu verbannen und die Schule zu einem Ort des Wohlbefindens werden zu lassen. Wer unter den Erwachsenen wählt (freiwillig) einen Arbeitsort, der ihm nicht behagt? Bekannt ist ja, dass ein gutes Arbeitsklima und hohe soziale Kompetenz der Führungscrew Voraussetzungen für den Erfolg einer Firma sind. Sollen wir der Schuljugend dieses Recht absprechen?
Arbeitsklima
Kein Mensch weiss, wie ein Kind die Welt tatsächlich erlebt. Durch diese Unsicherheit sind wir geneigt, das Kind mit unserer eigenen Vorstellung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Auch wenn die besten Absichten dahinterstehen, tragen wir dazu bei, dass das Kind seiner Selbstwahrnehmung zu misstrauen beginnt. Eine fatale Entwicklung, lernt es doch, sich eher an fremden «Wahrheiten» zu orientieren, als sich selber zu vertrauen. Die weitverbreitete Annahme, dass Kinder grundsätzlich faul sind und nur unter Druck sich dem Lernen stellen, mag ein eindrückliches Beispiel sein. Wir erleben unsere Schülerinnen und Schüler im Gegenteil als neugierig, geistig und körperlich aktiv und bereit, sich wie ein trockener Schwamm mit Erfahrungen und Wissen vollzusaugen. Darum stimmen uns einer Studie nachdenklich: «Es scheint, dass im Laufe der Schulzeit viel an ursprünglichem Interesse, Freude, Spass und vielleicht auch an Sinn verloren geht.» Liegen die Gründe wohl in jenem Schulstil, der die Kinder durch den lehrpersonzentrierten Unterricht in die Passivität zwingt, zu Befehlsempfängern degradiert? Unsere Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass die Schülerinnen und Schüler zur Lernaktivität finden wollen. Als Lehrperson und Begleiter müssen wir deshalb bereit sein, ihnen eine hohe Eigenkompetenz zuzubilligen. Muss es nicht unser Anliegen sein, das Grundbedürfnis jedes Kindes zu achten - selbst tun zu wollen, alleine auszuprobieren, passende Lernformen zu finden - auch wenn es dazu seine Zeit braucht, wenn es gilt, seinen richtigen Zeitpunkt für einen Lernschritt abzuwarten? Wir sind überzeugt, die Umsetzung des im heutigen Zürcher Lehrplan vorgesehenen Spiralprinzips mit seinen Stufenlernzielen berücksichtigt dieses Anliegen und führt zu einer motivierenden Haltung.
Wie Deci und Ryan sind wir überzeugt, dass die grundlegenden Bedürfnisse (basic needs) nach Kompetenz, sozialer Eingebundenheit und Autonomie genügend beachtet werden müssen, damit die Schülerinnen und Schüler wieder vermehrt «Dinge» tun, die sie selber wollen. So kommen sie zum Schluss:
- Ich bin fähig!
- Ich werde geachtet!
- Ich bin verantwortlich!
Wer das Gefühl hat, kompetent zu sein und seine Fähigkeiten einsetzen kann, wird auch mit Misserfolgen angemessen umgehen können. Solche Erfahrungen fördern eine harmonische Entwicklung und führen zu stabilen Persönlichkeiten. Wenn wir dabei dem Kind Achtung entgegenbringen, sind auch offene und vertrauensvolle Gespräche möglich. Respekt vor der Person und der Meinung des Gegenübers sind selbstverständlich. Wir sind überzeugt, dass für solche echte Begegnungen der kritische Zugang zu unseren eigenen Gefühlen und Wertvorstellungen Voraussetzung ist.
Nicht der Einsatz finanzieller Mittel oder teure bauliche Massnahmen verändern oder beeinflussen das Schulklima positiv, sondern eindeutig die Grundhaltung der Lehrpersonen. Dadurch entstehen «Räume», wo sich Schülerinnen und Schüler wohl und verstanden fühlen. Sie sollen ihre Stärken erleben, weiter entwickeln und festigen - ohne ihre Defizite zu verdrängen. Dabei geht es häufig auch darum abzuwarten - zugegeben für Eltern und Lehrpersonen ein oft fürchterlicher Zustand bis sie innerlich bereit sind, einen Lernstoff aufzunehmen - und dies dann häufig in mehrfacher Geschwindigkeit und mit bewusstem Sinn. Dadurch wird nicht das kurzfristige Speichern angesprochen, sondern das nachhaltige Lernen, das Verstehen.
Ergebnisse? - Erfolge? - Misserfolge?
Eine gelöste, fröhliche Stimmung - erfreulicher Leistungseinsatz - viele offene Begegnungen - tägliche Rückmeldungen auch von Elternseite! Offensichtlich hat sich unter der Schülerschaft eine «Schulfreude» breitgemacht. Vom Schulverweigerer, dem seelisch Verunsicherten, dem an sich selbst Zweifelndem bis zum Wissensdurstigen von Kindesbeinen an, sie alle identifizieren sich mit ihrer Schule. Man mag sich fragen, ob man hier denn nur Spass hat oder ob allenfalls auch das Wissen erweitert wird und die Lernziele nach kantonalem Lehrplan erfüllt werden. Die Ergebnisse von Lernzielkontrollen mögen beruhigen und können mit einem klaren «Ja» beantwortet werden. Allerdings bewirken wir keine kurzfristigen Höhenflüge, wohl aber längerfristige. Das wachsende Selbstvertrauen der Schülerinnen und Schüler hat längst verloren geglaubte Ressourcen wieder ins Bewusstsein gebracht. Das Gefühl, nicht so dumm zu sein, wie jahrelang glauben gemacht wurde oder endlich sein Potential ausschöpfen zu dürfen, kann auch «Flügel verleihen».
Im Klima von Freiheit und Verantwortung kann verantwortliches Handeln gedeihen und selbstbestimmte, intrinsische Motivation zu echter Leistung führen.
Literatur
E.L. Deci, R. M. Ryan, Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik, Zeitschrift für Pädagogik, 39, 2, S. 223-238, 1993 Howald Gardner, Abschied vom IQ, Stuttgart: Klett-Cotta 1994
Carl R. Rogers, Lernen in Freiheit, München: Kösel 1974 (Fischer Taschenbuch 1988) Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmid (Hrsg.), Piaget und der radikale Konstruktivismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994
Heinz von Foerster, Ernst Glasersfeld, Paul Wazlawick, Einführung in den Konstruktivismus, München: Oldenburg 1985
Hartmut von Hentig, Die Schule neu denken, München, Wien: Hanser 1993
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