Lip Schule Zürich

Ressourcen kennen

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Die Ressourcen der Kinder ins Zentrum rücken

Dieses Interview erschien in der Schweizerischen Fachzeitschrift für Elternbildung,
August 2002

Lernen ist ein lebenslanger Prozess. Damit lernen aber auch ein Leben lang Freude bereitet, scheint es wichtig, früh den richtigen Grundstein zu legen. Was können Schulen dazu beitragen, dass sich die natürliche Lernlust der Kinder nicht im Schulalter plötzlich in Lernfrust verwandelt? Darüber diskutieren drei Lehrpersonen der Lip-Schule in Zürich im Interview.

"Schule kann auch anders sein" ist eine Ihrer Aussagen – können Sie uns diese näher erläutern?

Daniel Schubiger: Die Schule ist offen, transparent. Diese Offenheit beginnt im Team und überträgt sich auf die Zusammenarbeit mit den Kindern und nicht zuletzt auch auf die Eltern. Es ist keine wirkliche Trennung da, wir Lehrer/innen haben vor den Schüler/innen nichts zu verbergen. Wenn es etwas zu besprechen gibt, dann sind auch die Kinder darüber informiert. Lernen bedeutet hier nicht nur Klassiker lesen, Rechnen und Schreiben lernen. Die soziale Komponente ist uns sehr wichtig, es geht um den Kontakt, um Vertrauen und Eigenverantwortlichkeit.

Ich hatte schon beim Hereinkommen den Eindruck, dass hier auch eine Machtstruktur fehlt.

Andrea Beerli: Ja, das ist so. Autorität darf nicht über Macht aufgebaut werden. Autorität läuft über authentisch sein, über klare Strukturen, über Transparenz. Kinder akzeptieren diese Autorität, weil sie spüren, dass sie als Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Wir wollen nicht Macht über die Kinder ausüben, sondern wir wollen ihnen Vorbild sein und sie zur Selbstverantwortung und Eigenständigkeit anregen. Das funktioniert aber nur, wenn Schulleitung und Lehrerschaft es vorleben. Die Kinder wissen, dass immer jemand für sie da ist, dass sie ihre Fragen offen formulieren können und sie ernst genommen werden.

Daniel Schubiger: Diese Offenheit darf jedoch nicht in die Schublade des "Laisser-faire" geschoben werden. Auch wir haben klare Strukturen, welche die Schüler beachten und brauchen. Wenn wir den Kindern eDaniel Schubiger und Hanspeter Beerli im Schulzimmerine Struktur geben, die ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht, dann schaffen wir eine gute Basis für die Zusammenarbeit.

Hanspeter Beerli: Wir unterscheiden nicht zwischen mehr oder weniger begabten Kindern, sondern zwischen mehr oder weniger geförderten.

Könnte Ihr Konzept auf öffentliche Schulen übertragen werden?

Hanspeter Beerli: Ich würde nicht an der Lehrerbildung mitarbeiten, wenn ich nicht daran glaubte, dass das möglich ist. Sollen neue Ideen und Vorstellungen umgesetzt werden, braucht es Transparenz. Die Veränderungen - und die Erfolge, die damit erzielt werden - müssen nach aussen kommuniziert werden. Eltern und Behörden müssen sehen können, welche Wirkungen die Veränderungen bringen, so wird langsam ein Umdenken in Bewegung gesetzt. Und ich glaube, ein gewisses marktwirtschaftliches Denken würde nicht schaden. Es sollte dann möglich sein, Schulen wie die unsere nicht als Konkurrenz anzusehen, sondern als Möglichkeit, etwas auszuprobieren, weil wir oft beweglicher sind als die Volksschulen. Partnerschaftliches Denken wäre sinnvoll. Wir werden oft gestraft für das, was eigentlich andere verursachen. Da wäre politisches Umdenken nötig. Qualität ist nicht nur dort zu finden, wo Geld hinein gepumpt wird.

Daniel Schubiger: Ein solches Konzept steht und fällt mit einem Lehrerteam, das am selben Strick zieht. Wenn nur ein einzelner Lehrer im Kollegium etwas verändern will, steht er auf verlorenem Posten, weil ja bereits seit Jahrzehnten feste Strukturen gegeben sind. Man braucht als Team eine Idee und eine Vision.

Gibt es Lernschwierigkeiten überhaupt oder "entstehen" diese Schwierigkeiten erst, wenn Kinder nicht ihren Fähigkeiten entsprechend unterstützt und/oder gefördert werden?

Hanspeter Beerli: Lernschwierigkeiten gibt es zuhauf - ich habe einmal eine Liste mit allen Fachausdrücken zusammengestellt, das sieht beängstigend aus. Die Frage ist, wie man mit diesen Tatsachen umgeht. Gegner neuer Lernformen aus Lehrerkreisen argumentieren oft, dass andere Lernmethoden als die bisher bekannten in einer heterogenen Gruppe nicht funktionieren. Man kann jedoch nicht einfach die Hände zusammenschlagen und verharren. Oft wird zu sehr auf die Lernschwierigkeiten fokussiert und die Gefahr ist gross, dass man das Kind nicht mehr als ganze Persönlichkeit wahrnimmt, sondern nur noch als "Problem". Kinder müssen sich in ihrer Umgebung wohl fühlen, damit sie etwas leisten können. Und jedes Kind hat andere Bedürfnisse. Es gilt, die Ressourcen jedes Kindes ins Zentrum zu rücken!

Andrea Beerli: Jedes Kind - wie jeder Erwachsene auch - hat Stärken und Schwächen. Und ich denke, es ist wichtig, jedes Kind seinen Fähigkeiten entsprechend zu fördern und zu unterstützen. Hackt man permanent auf einem Kind herum, das Schwierigkeiten hat, erniedrigt man es. Kinder wollen aber menschlich wahrgenommen werden. Sie möchten nicht stören, wollen keine Schwierigkeiten haben und machen. Aber wir Erwachsenen machen es ihnen oft schwer.

Wir sind keine Therapeuten, haben in der Schule auch bewusst keine Therapeuten angestellt, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir versuchen, die Kinder möglichst von all den Therapien zu befreien. Oft ist es ja so, dass die Eltern und Lehrkräfte das Leiden nicht mehr ertragen können, und deshalb das Kind in Therapie schicken. Leben wir nicht in einer Gesellschaft, in der für jedes "Problem" auch gleich eine Lösung da sein muss? Schicken Eltern ihr Kind in Therapie, gibt ihnen das ein gutes Gefühl, weil sie glauben, alles gemacht zu haben, was dem Kind hilft. Bei Lehrpersonen ist das ganz ähnlich. Eine Therapie kann aber nur erfolgreich sein, wenn die menschliche Beziehung zum Therapeuten stimmt. Uns geht es nicht darum, Defizite zu eliminieren, denn diese gehören zu jedem Menschen, prägen seinen Charakter und machen ihn zusammen mit seinen Stärken einzigartig. Stattdessen wollen wir den Kindern das Werkzeug mit auf den Weg geben, wie sie mit Schwächen umgehen und vor allem ihre Stärken nutzen können. Wenn es um organische Probleme geht, müssen auch wir kapitulieren.

Daniel Schubiger: Ich finde es wichtig, dass wir auch mit den Schülern über diese Schwierigkeiten sprechen. Wir erfahren immer wieder, dass es für die Kinder eine grosse Entlastung ist, wenn offen über Probleme gesprochen werden kann. Sie spüren, dass es nicht um eine Wertung geht und erfahren, dass ein Kind mit Schwierigkeiten nicht schlechter ist.

Hanspeter Beerli: Es wird gerne vergessen, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist, der nicht nach Abschluss des Gymi oder der Lehre einfach beendet ist. Jeder Mensch hat die Fähigkeit, ein Leben lang an seinem eigenen Netz weiter zu bauen. Wissen ist heute käuflich. Eltern können ihre Kinder in unzählige Nachhilfestunden schicken, um sogenannte Löcher zu stopfen.

Andrea Beerli: Auswendig Lernen ist eine kurzlebige Sache, nichts anderes eigentlich als ein Konsumieren, aber es ist nicht Bildung. Bei Erstgesprächen nehmen die Eltern stets das Zeugnis hervor und sind dann erstaunt, wenn ich ihnen sage, dass mich das nicht interessiert. Leider sind Eltern immer noch so geprägt. Leistung lässt sich nur anhand von Noten messen. Unser System ist jedoch wesentlicher anspruchsvoller, weil Kinder nicht einfach Befehlsempfänger sind. Sie müssen selber Kompetenzen und Verantwortung übernehmen, und das ist keine leichte Aufgabe.

Hanspeter Beerli: Wir sehen uns ab und zu mit der Kritik konfrontiert, wir seien eine "Streichelschule", in der Leistung nicht gefragt sei. Weit gefehlt. Wir probieren, Klimaverhältnisse zu optimieren und versuchen dabei, die Persönlichkeiten der Kinder individuell zu respektieren. Wir erwarten resp. erhoffen jedoch auch, dass aus dieser Veränderung Wachstum und schliesslich auch höhere Leistung als üblich resultiert.

Andrea Beerli: Ich höre von Eltern immer wieder die Aussage "Das Kind könnte viel mehr, wenn..." Wenn ein Kind nicht mehr fremdbestimmt ist, kann es damit beginnen, etwas aus sich heraus zu schöpfen. Ich spreche gerne von der tiergerechten Menschenhaltung. Die Bildungsdirektion stellt einem Kind 2,5 qm2 Raum zur Verfügung - ein Huhn hat 15qm2. Kinder müssen sich jedoch bewegen können, das schafft einen inneren Ausgleich, baut Spannungen ab. Bei uns gibt es kaum den 45-Minuten-Rhythmus, Kinder dürfen trinken, wenn sie Durst haben, nicht wenn die Pausenglocke läutet. Mich erstaunt immer wieder, dass wir von Kindern Dinge erwarten, die wir als Erwachsene nie tun würden. Wir verschaffen uns im Erwerbsleben ja auch Bewegung, wenn uns danach ist, trinken, wenn wir Durst haben und wir können kündigen, wenn wir mit Bedingungen nicht einverstanden sind. Kinder haben miserable Startbedingungen, sie müssen mitmachen, haben gar keine andere Wahl. Da erstaunt es doch nicht, wenn es zu Störungen kommt.

Haben Lehrer/innen und Eltern Angst vor neuen Lernmethoden?

Hanspeter Beerli: Ich denke, es ist wichtig, die Lehrkräfte und Eltern immer wieder darüber zu informieren, welche Lernmethoden es ausser den herkömmlichen noch gibt. Es wäre nicht richtig, von ihnen zu verlangen, plötzlich alles anders zu machen. Vieles funktioniert ja auch ganz gut im Schulsystem. Es gibt keine schnellen Rezepte. Es geht darum, Grundhaltungen zu verändern, und das kann nur Schritt für Schritt gehen.

Wie werden die Eltern unterstützt?

Andrea Beerli: Ich mache die Erfahrung, dass das Leiden von Kindern und deren Eltern oft gigantisch ist. Ich fühle mich oft wie auf einer Intensivstation. 80 % der Kinder, die bei uns zur Schule gehen, waren in der Volksschule nicht mehr erwünscht. Uns ist wichtig, dass die Eltern unseren pädagogischen Ansatz verstehen und unterstützen, sonst würden nur neue Probleme auftreten.

Daniel Schubiger: Ist ein Kind bei uns eingetreten, erleben wir oft, dass die Eltern uns nach ein paar Tagen anrufen, um nachzufragen, ob es denn keine Probleme gibt. - Die Macht der Gewohnheit! Wir melden uns für die Standortgespräche mit allen Beteiligten, das Kind ist immer dabei. Auch hier sind Transparenz und Offenheit wieder zentrale Themen. Für die Sorgen und Nöte der Eltern hat die Schulleitung immer ein Ohr.



Sozusagen aus der Sicht der "Betroffenen" berichten Thomas und Carina, weshalb sie in die Lip-Schule gekommen sind, und wie sie mit dem Schulsystem zurecht kommen.

Thomas, 16 Jahre
Ich bin - oder besser gesagt war, denn jetzt ist es nicht mehr so schlimm - Legastheniker. Ich habe Probleme mit Auswendiglernen, Schwierigkeiten habe ich vor allem mit Fremdsprachen aber auch in Deutsch. Früher konnte ich mir Zahlen nicht merken. Ich habe dann aber spezielle Hilfe erhalten; das hat geholfen und heute kann ich mir die merkwürdigsten Kombinationen einprägen.

Von der 1. bis 4. Klasse in der Volksschule war es ziemlich schwierig. Da hatte ich auch nicht viele Kollegen. Ich hatte Probleme mit den Aufgaben und habe dann kaum mehr welche gemacht, weil immer etwas nicht gestimmt hat. Ich musste die 4. Klasse wiederholen und bekam einen besseren Lehrer, von dem ich viel Unterstützung erhielt.

In der Oberstufe wechselte ich dann in die Lip-Schule. Anfangs fand ich es ziemlich schwierig, weil die Umstellung sehr gross ist. Ich hatte Angst, damit nicht klar zu kommen. Doch ich habe schnell Fortschritte gemacht, ich habe viel intensiver gearbeitet, vor allem, weil mir die Einteilung entspricht. Man hat hier nicht von einem Tag auf den anderen Aufgaben, sondern wir arbeiten mit Wochenplänen, nach denen ich mir meine Zeit selber einteilen kann. Das war zuerst sehr schwierig, weil man auch lernen muss, mit dieser Freiheit umzugehen. Am Anfang denkt man immer, man habe ja noch viel Zeit, etwas zu erledigen und dann wird die Zeit dann doch immer knapper.
An der Lip-Schule wurde ich hier sehr schnell aufgenommen und wir arbeiten viel zusammen in den Stunden, und das finde ich hier sehr viel besser.
In der Schule geht es relativ gut, weil hier immer jemand da ist, der mir die Dinge erklären und mich unterstützen kann. Zu Hause ist das aber schwieriger. Wenn ich mich dann an eine Aufgabe machen will, kommt diese mir zwar nicht fremd vor, ich weiss aber nicht mehr, wie ich sie umsetzen muss. Ich kann z.B. auch in den Fremdsprachen nicht mit Kärtchen arbeiten, ich kann mir die Worte nicht merken.


Carina, 15 Jahre
Ich war bereits von der 1. bis 6. Klasse in einer Privatschule. Ich hatte Schwierigkeiten damit, dass wir alle so nahe beieinander sitzen mussten. Ich habe vieles nicht mitbekommen, bin oft abgeschweift, habe geschwatzt. Mich auf eine Sache zu konzentrieren fällt mir schwer. Jetzt an der Lip-Schule geht es besser, weil ich in der Schule jene Hilfe bekomme, die ich brauche, und weil ich nach meiner eigenen Grundhaltung arbeiten kann. Es ist wichtig für mich, Hilfe zu bekommen. Ich finde die Atmosphäre hier auch sehr gut, weil alles offen ist und wir miteinander über alles reden können. Es ist ein bisschen wie eine grosse Familie - das finde ich sehr schön.
Am Anfang dachte ich, dass hier alles einfacher ist, weil einem die Lehrer nicht so auf die Finger schauen, und ich habe sehr wenig gemacht und kam langsam voran. Das hat dann Probleme gegeben. Nach einem Gespräch wurde mir dann klar, dass ich selber arbeiten muss. Ich versuche jetzt einfach immer, das zu schaffen was ich kann.
Wenn ich Erfolg habe und eine gute Prüfung zurück erhalte, motiviert mich das. Hier habe ich das Gefühl, dass ich den Stoff auch wirklich begreife und ich kann jetzt auch besser damit umgehen, wenn neben mir anderes vor sich geht, das lenkt mich nicht mehr so sehr ab. Ich schwatze nicht mehr so viel, weil mich Herr Schubiger immer angesprochen hat. Das hat mich am Anfang sehr genervt, aber es hat geholfen, dass ich etwas ruhiger wurde und mich jetzt auch besser konzentrieren kann.
Mir sind alle Kunstsachen sehr wichtig - malen, zeichnen, tanzen und singen. Da kann ich auch länger an etwas dranbleiben und werde nicht so schnell unruhig. Ich habe für unsere Band modische Sachen gemacht, Stoffe kreiert und Kleider geschneidert. Und ich habe auch schon gesungen. Die Kunst und die Musik ist wie ein anderes Leben.

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